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Qualzuchten

Die Zuchtverbände

Englische Bulldogge

Etwa 30 Prozent der verkauften Welpen stammt aus den Würfen eingetragener Züchter (OECHTERING, 2012).

Der Dachverband hierzulande ist der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH), der über 250 Rassen in 175 Mitgliedsvereinen betreut. Der VDH wiederum ist ein Mitglied des Weltverbandes der Kynologie (Fédération Cynologique Internationale, FCI). Im FCI sind derzeit 92 Mitgliedsstaaten (1 Verband je Land) organisiert, er ist für die Anerkennung der Hunderassen weltweit zuständig (derzeit 344; 05/2017).

Jörg Bartscherer, Geschäftsführer des VDH, sagte zum Fachgespräch zum Thema Qualzuchten am 14.3.17 in Berlin, ein Problem in der Struktur des FCI sei das Einstimmenprinzip: Unabhängig von der Größe eines Mitgliedslandes hat jedes nur eine Stimme.

Die Aufgabenverteilung zwischen Dachverband und Mitgliedsvereinen beschreibt der VDH auf seiner Homepage:

• „Als Mitgliedsvereine des VDH sind sie verpflichtet, ihr Regelwerk den Mindestvorgaben des VDH anzupassen. Während der VDH Experte für die Hundezucht im Allgemeinen ist, sind die Zuchtvereine die Spezialisten in allen Fragen, die die von ihnen betreute Rasse betreffe.

• Die Zuchtvereine dokumentieren die Abstammung der Rassehunde und führen hierzu ein Zuchtbuch und Register. Sie sind dafür verantwortlich, wie sich eine Rasse weiterentwickelt, in dem sie die Züchter beispielsweise beraten, welcher Rüde und welche Hündin besonders gut zusammen passen oder welche man besser nicht miteinander verpaaren sollte (Zuchtlenkung). Darüber hinaus beraten die Zuchtvereine die Züchter auch in allen anderen Fragen, die die Zucht betreffen und kontrollieren die Zuchten.

• Dafür müssen die Zuchtvereine Zuchtwarte ernennen und für ihre Aufgaben sorgfältig aus- und fortbilden. Darüber hinaus müssen sie überprüfen, ob ihre Züchter sachkundig sind und ihnen Fortbildungen anbieten. Sie kontrollieren auch, ob die Zuchtstätten geeignet sind und wie die Hunde gehalten und aufgezogen werden.“

Die angesprochenen Mindestvorgaben hat der VDH etwa in seiner Zuchtordnung niedergeschrieben (dazu später mehr), die sich laut eigener Aussage nach den aktuellen tierschutzrechtlichen Bestimmungen und denen der FCI richtet. Der FCI macht in seinem offiziellen Zuchtreglement darauf aufmerksam, dass die Mitgliedsvereine dazu aufgerufen sind, auf die „Erbgesundheit“ ihrer betreuten Rassen zu achten.

• „Erbgesund ist ein Rassehund dann, wenn er Standardmerkmale, Rassetyp und rassetypisches Wesen vererbt, jedoch keine erheblichen erbliche Defekte, welche die funktionale Gesundheit seiner Nachkommen beeinträchtigen könnten. Hierbei sind die Mitglieder und Vertragspartner der FCI gehalten, Übertreibungen der Rassemerkmale zu verhindern, die in der Folge geeignet sind, die funktionale Gesundheit der Hunde zu beeinträchtigen.

• Zur Zucht nicht zugelassen sind insbesondere Hunde, die zuchtausschließende Fehler haben z.B. Wesensschwäche, angeborene Taubheit oder Blindheit, Hasenscharte, Spaltrachen, erhebliche Zahnfehler und Kieferanomalien, PRA, Epilepsie, Kryptorchismus, Monorchismus, Albinismus, Fehlfarben sowie festgestellte schwere Hüftgelenksdysplasie.“

Im Modellstandard der FCI steht dazu außerdem:

• „Kurznasige & kurzköpfige (Brachycephalic) Rassen haben eine generelle Klausel (FCI-Vorstand, Luxemburg 2009), welche besagt: ‚Gut geöffnete Nasenlöcher‘. Diese Klausel betrifft vorläufig: Boston Terrier; Boxer, Belgischer Griffon, Brüsseler Griffon, Kleiner Brabanter Griffon, Bulldogge, Bullmastiff, Bordeauxdogge, Französische Bulldogge, Japan Chin, King Charles Spaniel, Mastiff, Mastino Napoletano, Pekingese, Mops, St Bernard, Staffordshire Bull Terrier und Shih Tzu.
(Quelle)

Das sind jedoch nur wenige der unter "Beispiele" angesprochenen Schäden unter denen Hunde durch übertriebene Zucht leiden. Probleme, wie etwa dies, dass sich viele Bulldoggen nicht mehr allein fortpflanzen können, sind hier nicht aufgeführt. Auch das oft angesprochene Brachycephale Syndrom beinhaltet mehr Probleme der oberen Atemwege, als nur zu kleine Nasenlöcher (zu enge Luftröhre, zu langes Gaumensegel, verkrümmte Nasenmuscheln).

Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT) äußerte in ihrem Merkblatt Nr. 141 zu Qualzuchten bei Heimtieren von 2014, dass die Zuchtverbände noch nicht ausreichend und konsequent das Ziel gesunder Hunde umsetzen würden.

Für jede Rasse gibt es einen FCI-anerkannten Standard, der von dem Land betreut wird, dem die Rasse entspringt. Der VDH hat damit die Obhut über 32 Rassen, etwa den Deutschen Schäferhund oder den Teckel.

In diesen Standards sind „rassetypische“ Merkmale beschrieben, anhand derer Zuchtrichter Hunde in den Vereinen zur Zucht zulassen und sie auf Ausstellungen prämieren. Die Zuchtrichter besitzen jedoch nicht in jedem Fall die nötige (medizinische) Fachkenntnis, um ein Tier nicht nur danach einzuordnen, ob das Erscheinungsbild rassetypisch ist, sondern auch danach, ob die Tiere durch dieses Erscheinungsbild unter gesundheitlichen Nachteilen leiden (Oechtering, 2013).

Hinzu kommt, dass die Rassestandards entweder zu unkonkret sind und so zu viel Spielraum für Über- oder Fehlinterpretationen lassen oder gesundheitlich bedenkliche Merkmalsausprägungen konkret fordern. Beispielhaft sei hier ein Auszug aus dem FCI-Rassestandard Nr. 253, der für den Mops, genannt. Zum Fang steht dort: „Ziemlich kurz“ und zur Rute: „Hoch angesetzt, so eng wie möglich über die Hüfte gerollt. Doppelt eingerollte Rute höchst erwünscht.“ Im Rassestandard Nr. 149, dem der Französischen Bulldogge, der im Januar 2017 zuletzt angepasst wurde, ist es etwas konkreter gelöst. Hier ist beschrieben, dass der Nasenrücken eine Länge von 1/6 des Kopfes haben soll und eine „normale Nasenatmung möglich sein muss“.

Bartscherer sagt deshalb in Berlin, das Problem seien nicht die Standards, die durchaus "vernünftig und weit" formuliert seien, sondern: "Die Problematik, die wir haben, ist die Interpretation des Standards durch Züchter und Zuchtrichter."

Auch habe man als VDH datenschutzrechtliche Schwierigkeiten bei der Nachverfolgbarkeit der Nachzuchten innerhalb der Vereine. Zum Ausstellungsverhalten sagte Bartscherer, läge das Problem im Kartellrecht: Es dürften alle "phänotypisch der Rasse entsprechenden" Hunde teilnehmen und gekürt werden. Somit würden Welpen eines als irrenführend "VDH-Sieger" benannten Hundes, verkauft.

Für die Rasse English Bulldog bedeutsam sei eine Ausstellungsregelung gewesen, die die Teilnahme von Hunden nach dem zweiten Kaiserschnitt verbot. Den Verein dieser Rasse habe man laut Bartscherer vor einigen Jahren wegen "nicht mehr tragbarer Zustände" aus dem Verband ausgeschlossen. Nun betreue man die Rasse selbst direkt, eingeführte gesundheitliche Reihenuntersuchungen hätten zu einer Reduzierung der Welpenanzahl im Verband geführt; derzeit läge der Marktanteil des VDH bei dieser Rasse in Deutschland bei unter einem Prozent.

In der Zuchtordnung des VDH wird zwar gefordert, dass sämtliche Zuchtmaßnahmen neben dem Erhalt der rassetypischen Merkmale zum Ziel haben müssen, „die Zuchtbasis einer Rasse möglichst breit zu erhalten, also die genetische Vielfalt innerhalb einer Rasse zu fördern, Vitalität (…) der Hunde zu fördern, erbliche Defekte durch geeignete Zuchtprogramme zu bekämpfen“ und nur „gesunde, verhaltenssichere und rassetypische Hunde zugelassen und eingesetzt werden“ dürfen. Diese Zuchtordnung enthält jedoch Ausnahmeregelungen; etwa sind Gentests empfohlen, die homozygote Merkmalsträger von Erbkrankheiten finden und von der Zucht ausschließen sollen; dennoch wird die Zucht mit heterozygoten Defektgenträgern weiterhin ausdrücklich erlaubt. Gar wird in der Zuchtordnung des VDH gesagt, dass „Homozygot belastete Hunde (Merkmalsträger) zur Zucht eingesetzt werden (dürfen), wenn aus züchterischer Sicht ihr Zuchteinsatz wertvoll und wissenschaftlich vertretbar ist.“ Die Verantwortung zur Einhaltung der Zuchtordnung liegt bei den einzelnen Zuchtvereinen.

Auch hatte der VDH mit dem Ausschluss des Bordeaux-Doggen Club Deutschland e.V. 2012 ein Statut gesetzt, das eine inkonsequente Bereitschaft zur Verbesserung der Erbgesundheit innerhalb des Verbandes zeigt. Der 2007 neu gegründete Bordeaux-Doggen Club hatte mit einer sehr strengen Zuchtauswahl die durch verschiedene erbliche Defekte (HD, ED, Herzerkrankungen) bedingte sehr niedrige Lebenserwartung der Rasse (unter 6 Jahren) versucht, zu bekämpfen. Diese Maßnahmen hatten jedoch in Folge der wenigen vorhandenen zugänglichen unbelasteten Bordeaux-Doggen dazu geführt, dass die Nachzuchtrate stark sank. In Folge dessen wurde ein Gesuch um Verlängerung der Mitgliedschaft im VDH abgelehnt mit der Begründung, dass „eine sinnvolle Zucht sich zunächst auf die Bekämpfung der schwerwiegendsten Erkrankungen konzentrieren und das Risiko einer möglichen Vererbung leichterer Erkrankungen notgedrungen in Kauf nehmen (muss), um nicht den Erhalt der Rasse insgesamt zu gefährden.“ (Klageerwiderung des VDH an den Bordeaux-Doggen Club Deutschland e.V. vom 11.10.2012)

In vielen Rassen sind erblich bedingte Schäden bekannt, so neigen Dalmatiner zu Taubheit, Boxer zu Herzproblemen und Schäferhunde zu Hüftdysplasien. Die Wahrscheinlichkeit für solche erblich bedingte Schäden wächst mit dem Grad der Inzucht. Um Nachkommen zu erhalten, die den Spitzenvertretern ihrer Rasse möglichst ähnlich sehen, deckt ein prämierter Rüde jedoch viele Hündinnen. Diese Nachkommen werden häufig wieder verpaart. Das führt zu einer Schmälerung der genetischen Variabilität und damit zu einem hohen Inzuchtgrad in der Rassehundepopulation. Untersuchungen von 2008 in England haben etwa für die Rasse Boxer ergeben, dass eine Population von 20.000 Tieren aufgrund der engen genetischen Variabilität wie eine Population von 70 Tieren wirkt. (CALBOLI et al. 2008) Ähnliches lässt sich für die Rasse Border Collie oder Mops sagen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachkomme mit engen Verwandten verpaart wird und so zwei defekte Kopien eines Genes bekommt und einen Schaden ausbildet, steigt damit.

Laut VDH Zuchtordnung sind Verpaarungen des ersten Grades verboten (z.B. Eltern/Kinder), mit Ausnahmegenehmigung kann jedoch im zweiten Grad verpaart werden. Der FCI äußert sich zu Inzucht über ein „memo on inbreeding“, dass der französische Tierarzt Prof. Bernard Denis verfasst hat. Grundsätzlich habe Inzucht diesen Effekt:

„From a genetics point of view, inbreeding has the fundamental effect of increasing the frequency of homozygotous genotypes. The consequences of which are:

- the quantitative characteristics offered for selection – especially morphological (beauty)

– tend to be fixed more rapidly,

- in parallel we are able to observe a more or less important deterioration of breeding qualities (fecondity, resistance),

- the increased frequency of recessive autosomal hereditary incidents.

Deshalb ist Inzucht als ein „very powerful selection tool“ beschrieben. Denis sagt, man habe immer ein gewisses unvermeidliches Risiko zu tragen, wenn man Inzucht als Zuchtstrategie benutze. Er könne aber verstehen, dass ein Züchter, der zufrieden mit dem Status seiner Tiere ist, diese vor „outside risks“ bewahren möchte und deshalb Inzucht betreibt.

Über die Anhäufung von Defektgenen durch Inzucht sagt er:
„There is no deliberate wish to resort to inbreeding; this just happens, little by little, without the breeders being aware of it. The resulting loss of genetic variability undermines the evolution of the breed in another direction and favors the onset of lethal genes. Many breeds are in this situation which gives cause for concern and which should incite breed clubs to undertake true genetics management in the aim of conserving sufficient genetic diversity.“

Sein Resümee: Man könne nicht oft genug betonen, welche Risiken eine exzessive Reduktion der genetischen Variabilität beinhaltet.

Um das gehäufte Auftreten von Krankheiten innerhalb einer Rasse zu bekämpfen, wurden vom VDH verschiedene Phasenprogramme entwickelt, derzeit für die Bekämpfung von erblich bedingten Augenerkrankungen, Hüftgelenksdysplasien (HD), Ellenbogendysplasien (ED), Herzerkrankungen, Patella-Luxation (PL) und der Taubheit. Diese Programme schreiben eine wissenschaftlich überwachte Datenerfassung (auf freiwilliger Basis), etwa eine offizielle Reihenuntersuchung auf Hüftgelenksdysplasie, und ein davon abgeleitetes Zuchtreglement vor.

Diese Phasenprogramme schreiben so etwa ein Röntgen der Hüfte beim Deutschen Schäferhund vor Zuchtzulassung vor. Demnach werden aber nur Hunde mit festgestellten Hüftgelenksdysplasien vom Schweregrad „schwer“ und „mittelgradig“ von der Zucht ausgeschlossen. Leichte Schweregrade für die Weiterzucht zu nutzen ist noch erlaubt. Ähnliche abgeschwächte Einschränkungen gelten für ED (Ellengelenksdysplasie) und Patellaluxation. Bei erblich bedingten Herzerkrankungen kann der Zuchtverein eigenständig „den Grad der Herzerkrankung (festlegen), mit der ein Hund züchterisch noch unbedenklich eingesetzt werden darf“. „Der VDH arbeitet (dafür) eng mit Wissenschaftlern und Tierärzten zusammen, um erbliche Defekte und Krankheiten bei Rassehunden effektiv und nachhaltig zu verringern. Dabei wird der VDH von seinem Wissenschaftlichen Beirat unterstützt, dem führende Wissenschaftler der Tierärztlichen Hochschulen sowie Vertreter der fachtierärztlichen Gesellschaften angehören (Collegium Cardiologicum, Dortmunder Kreis, Gesellschaft für Röntgendiagnostik genetisch beeinflusster Skeletterkrankungen bei Kleintieren e.V. ).“ (VDH, 2017)

Dr. Bodo Busch von der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz stellte zum Leipziger Tierärztekongress im Januar 2016 in seinem Vortrag über die Ethik in der Hundezucht jedoch fest: „Die Dachorganisation der Hundezüchter (VDH) und deren Zuchtvereine tragen die Verantwortung für Wohlbefinden und Gesundheit der von ihnen vertretenen Hunderassen. Sie sind verpflichtet, wirksame Maßnahmen gegen erblich bedingte Erkrankungen durchzuführen. Die derzeit geltende Zuchtordnung sowie das Phasenprogramm zur Bekämpfung erblicher Krankheiten und Defekte erfüllen diese Anforderungen in keiner Weise. Zudem wirkt die Übertragung der Zuchthoheit auf die Zuchtvereine kontraproduktiv.“

Der Geschäftsführer des VDH, Jörg Bartscherer, stellte im März 2017 in Berlin fest: "Wir sind durchaus dazu bereit, uns zu bewegen und sehen, dass was bewegt werden muss." Man sei deshalb bereits im Gespräch mit den Mitgliedsvereinen und der Bundestierärztekammer.

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