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Qualzuchten

Tierärzteinitiativen

Flyer der Bundestierärztekammer zum Thema Qualzuchten

„Mit unseren fachlichen Kenntnissen müssen wir zur Sicherung des Wohlbefindens von Tieren beitragen. Dazu gehört in besonderem Maße die Aufklärung über die dramatischen gesundheitlichen Auswirkungen bestimmter Zuchtziele, die von manchen Menschen als schön empfunden und forciert werden“, so Dr. Friedrich Röcken, Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Qualzuchten“ der BTK.

Karoline Nöllgen fasst die aktuellsten Initiativen der Tierärzteschaft gegen Qualzuchten anlässlich des 9. Leipziger Tierärztekongresses im Januar 2018 zusammen:

„Unter dem Motto 'Nicht süß, sondern gequält!' hat sich die Deutsche Tierärzteschaft unter Federführung der Bundestierärztekammer (BTK) zum Ziel gesetzt, den zunehmenden Qual- und Defektzuchten bei manchen, sehr beliebten Hunde- und Katzenrassen, aber auch Kleinsäugern, den Kampf anzusagen. Hierzu wurde auf Beschluss des BTK die Arbeitsgruppe 'Qualzuchten', bestehend aus Repräsentanten aller großen veterinärmedizinischen Organisationen, eingerichtet. Diese haben sich zur Aufgabe gemacht, die Beschlüsse des 27. Tierärztetages, der im Oktober 2015 in Bamberg stattfand, umzusetzen. Eine Vielzahl von dort verabschiedeter Empfehlungen und Forderungen richtet sich unter anderem an den Gesetzgeber, an Zuchtverbände und -vereine, die Medien- und Werbebranche sowie an die Tierärztekammern und die Tierärzteschaft.

In Folge der Beschlüsse wurden an die veterinärmedizinischen Bildungsstätten Anliegen herangetragen, erblich bedingte Gesundheitsprobleme zu definieren, Erbkrankheiten zu identifizieren, den Vererbungsmodus bei Defekt- und Qualzuchten aufzudecken sowie qualifizierte Studien zur Definition von Qualzuchten durchzuführen. Darüber hinaus sollen tierschutzrechtlich relevante Grenzen der Zucht von Hunden, Katzen und Kleinsäugern aufgezeigt sowie zuverlässige Methoden zum routinemäßigen Nachweis von Trägern genetisch bedingter, klinisch relevanter, vererbbarer Krankheiten oder Defekte entwickelt werden. Zum 9. Leipziger Tierärztekongress werden im DVG-Symposium Forschungsergebnisse aus diesen Themenbereichen präsentiert.

Das DVG-Symposium fand im Rahmen des Leipziger Tierärztekongresses am Samstag, den 20. Januar 2018, von 14.00 bis 18.00 Uhr statt."

“Ein Ergebnis der Arbeitsgruppe „Qualzuchten“ der BTK ist eine im Oktober 2016 erschienene Broschüre zu brachycephalen Hunderassen mit Titel „Kurznasen und Glubschaugen: Nicht süß, sondern gequält“.

Dr. Friedrich Röcken sagte im Zuge der Veröffentlichung: „Tiere dieser Rassen mit extrem kurzem Gesichtsschädel entwickeln über kurz oder lang einen erheblichen Leidensdruck, haben meist starke körperliche Einschränkungen und in bestimmten Fällen auch ausgeprägte Schmerzen.“

Einige der 2015 in Bamberg gefassten Beschlüsse der Tierärzteschaft waren mit Forderungen an den Gesetzgeber verbunden:

• „Qualzuchtgutachten überarbeiten hinsichtlich weiterer Themen und Tierarten (z.B. Kleinsäuger, Reptilien, Pferd, Nutztiere)

• Rechtsverordnung, mit der das Qualzuchtverbot gemäß § 11b des Tierschutzgesetzes hinreichend konkretisiert wird

• Ausstellungsverbot von betroffenen Tieren in den § 11b TierschG aufnehmen

• Werbeverbot mit Tieren, die Qualzuchtmerkmale gemäß Qualzuchtgutachten aufweisen“

Prof. Martin Kramer sagte anlässlich des Bamberger Tierärztetages, dass man Züchter diverser Rassen nicht an den Pranger stellen wolle. Die Tierärzteschaft „ist (jedoch) nicht nur kurativ heilend tätig, sondern auch verantwortlich für die Prävention.“

Am 30. Januar 2019 konstituierte die Bundestierärztekammer (BTK) die neue Arbeitsgruppe (AG) „Qualzucht bei Nutztieren". Daran beteiligt sind neben der BTK, der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt), der Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT), die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG) und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT). Diese Verbände arbeiten schon seit 2015 sehr erfolgreich in der AG „Qualzucht" zusammen, die sich bisher dem Kleintier-/Heimtierbereich gewidmet hat. Doch nicht nur Kleintieren können durch übertriebene Zuchtziele Schmerzen, Leiden und Schäden zugefügt werden, auch Nutztiere leiden unter einer Reihe von Produktionskrankheiten, die durch die gezüchtete Leistungssteigerung begünstigt werden. Die wirtschaftlich wichtigen Körperfunktionen, z. B. die Milchleistung, werden dabei so stark optimiert, dass die extreme körperliche Belastung in vielen Fällen die Lebensdauer der Nutztiere verkürzt.

„So können wir nicht mit Tieren umgehen", appelliert der Veterinär-Physiologe Prof. Dr. Holger Martens auf der BTK-Pressekonferenz Qualzuchten bei Nutztieren? auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin im Janaur 2019.


Aktuelles im Winter 2017/2018: Aus dem DTB 2018; 66 (2) "Europäische Bemühungen zum Thema brachycephale Hunderassen": Die Federation of European Companion Animal Veterinary Association (FECAVA), die World Animal Veterinary Association (DSAVA) schloss im Oktober 2017 Empfehlungen darüber, wie die europäische Tierärzteschaft auf die Zucht brachycephaler Rassen reagieren sollte.
Auf der Generalversammlung der FVE (Federation of Veterinarians of Europe) wurde im November 2017 auch die Arbeit der BTK-Arbeitsgruppe besprochen.

Die Tierärztiche Vereinigung für Tierschutz (TVT) hat ihr Merkblatt zu brachycephalen Rassen aktualisiert

Unter dem Hashtag #BreedToBreathe der British Veterinary Association (BVA) finden sich Aufklärungsvideos auf Youtube und Diskussionen auf Twitter.